Besserer Schutz
Bei der 5. Europäischen Polizeitrainer-Fachkonferenz in Nürnberg ist die Verbesserung des Schutzes der Polizeibeamten im Vordergrund gestanden.
„In den letzten zehn Jahren hat sich in Deutschland die Anzahl der Übergriffe auf Polizeibeamte auf über 6400 verdoppelt“, führte der Leitende Polizeidirektor Gerhard Danzl in seinem Grußwort an die 250 Teilnehmer an der am 11. März 2010 nunmehr zum 5. Mal abgehaltenen Polizeitrainer-Fachkonferenz aus. „Das entspricht 17 Übergriffen pro Tag. Der Schutz der Beamten muss absoluten Vorrang haben.“
Dieser Schutz beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die Bewaffnung. Funktionelle Bekleidung, Schutzwesten, Taschenlampen, Rettungswerkzeug, gehören genau so dazu wie Handschuhe. „Die Hand ist der ungeschützteste, aber auch gefährdetste Körperteil; Handschuhe gehören zu den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen“, betonte Danzl im Hinblick auf körperliche Kontakte mit Personen mit ansteckenden Krankheiten (Aids, Hepatitis), aber auch, dass Beamte bei Durchsuchungen unvermittelt auf Rasierklingen, Nadeln oder Einwegspritzen stoßen, oder aber Angriffe mit Messern abwehren müssen.
Auf Ausrüstungsgegenstände war demgemäß auch das Angebot der insgesamt 52 Aussteller ausgerichtet, die im Foyer des Veranstaltungssaales ihre Produkte präsentiert haben. Wie bisher, wurde die Veranstaltung im CNN Ost der Messe Nürnberg abgehalten und, ebenfalls wie bisher, am Vortag vor der Eröffnung der IWA 2010. Zeitgleich hat auch die Fachkonferenz „Waffen- und Gerätewesen“ der Deutschen Hochschule der Polizei, Münster, stattgefunden.
Die im Rahmen der Konferenz gehaltenen Referate haben sich inhaltlich ebenfalls auf den Schutz der Polizeibeamten, die Weitergabe von Erfahrungen oder auch darauf bezogen, was möglicherweise auch hierzulande geschehen könnte. So hat Bernd Pokojewski, durch zahlreiches Fotomaterial unterstützt, minutiös den Ablauf der Ereignisse beim Terroranschlag in Mumbay dargestellt, der sich, beginnend am 26.11.2008 um 21.30 Uhr, über eine Zeitspanne von 60 Stunden erstreckt hat und 180 Tote sowie über 300 Verletzte gefordert hat. Ziel der von zehn Tätern durchgeführten Operation wären 5000 Tote gewesen. „Was die Durchführung von Angriffen durch militärisch ausgerichtete Kleingruppen betrifft, war Mumbai eine Art Blaupause, ein Masterplan“, führte „Poko“ aus. „Wenngleich derartige Angriffe in Europa derzeit wenig wahrscheinlich sind, sollten Stäbe und Spezialeinheiten auch darauf vorbereitet sein“.
Steve Johnson berichtete über einen Feuerkampf in Oakland, Kalifornien, der sich am 21.3.2009 aus einer routinemäßigen Fahrzeuganhaltung ergeben hat und letztlich den Tod von vier Polizeibeamten sowie die Schussverletzung eines weiteren zur Folge hatte. Ein Schwerkrimineller, der auf Bewährung entlassen worden war, aber zwischenzeitig wiederum Straftaten begangen hatte, fühlte sich durch die Kontrolle ertappt und erschoss die beiden ihn anhaltenden Polizeibeamten sowie zwei weitere, als sie die Wohnung durchsuchten, in die er sich zurückgezogen und dort in einem Kasten versteckt hatte. Das Geschehen wurde analysiert. Durch koordinierte Leitung des Einsatzes und der Weitergabe von Informationen, mehr Bedacht auf Eigensicherung und Hinzuziehung von Spezialkräften hätte die Amtshandlung wohl einen weniger schwerwiegenden Verlauf genommen. Der Täter wurde letztlich selbst erschossen. An der Beerdigung der Beamten am 27.3. hatten 21.000 Personen teilgenommen.
„Finger weg, sonst Finger weg“ war die kurz gefasste Quintessenz des Referates von Michael Bandel, einem Entschärfungsspezialisten. Sprengstoffe werden, was den Polizeibereich betrifft, bei einschlägigen Bastlern gefunden (meist nach Unfällen), bei Attentätern, oder sie werden als Mittel zum Suizid verwendet. Wichtig ist, Spezialkräfte anzufordern und bis dahin die Finger davon zu lassen. Im Räumen, wo sich ein Unfall oder Suizid mit Sprengstoff ereignet hat, kann davon ausgegangen werden, dass sich dort noch nicht detonierter Sprengstoff befindet. Sogar auf der Kleidung oder in den Haaren eines Opfers kann sich Sprengstoff, vornehmlich bei Selbstlaboraten, befinden, der noch nicht umgesetzt hat. Bei aufgefundenem Sprengstoff ist die Transport-, Lagerungs- und Haftungsproblematik zu bedenken.
Womit allenfalls zu rechnen ist, hat Bandel an Hand eines Falles geschildert, der sich am 6.3.2003 in Polen ereignet hat. Verbrecher, die ein Jahr zuvor Geldtransporte überfallen hatten, hatten sich in einem Haus verschanzt, das mit projektilbildenden Minen (Richtminen) abgesichert war, hatten mit Schutzmasken gegen Angriffe mit Tränengas vorgesorgt, besaßen schusssichere Westen und Handgranaten.
Zum Schutz von Geiseln bei Drohung mit dem Einsatz von Handgranaten wurde das „Bat Scape“ entwickelt, eine als Umhang gestaltete, 40 kg schwere Schutzdecke, mit der sich ein Beamter im gegebenen Zeitpunkt über die Geisel wirft, sie zu Boden reißt und abdeckt.
Wie rasch in besonders gesicherte Gebäude eingedrungen werden kann und worauf im Vorfeld geachtet werden muss, hat Cpt. Gabor Bari aus Ungarn geschildert. Gerade in Fällen von Geldwäsche oder großangelegten Betrügereien kommt es darauf an, die Rechner beim Einschreiten noch in Betrieb vorzufinden. Die Täter sichern ihre Häuser oder Wohnungen aber entsprechend ab, mit Bewegungsmeldern, Druckmeldern oder Infrarotkameras. Zudem sieht man einer Sicherheitstür von außen nicht unbedingt an, dass es sich um eine Sicherheitstür handelt. Entsprechende Aufklärung im Vorfeld ist daher wichtig. Dem „Door Raider“ widersteht aber auch eine solche Tür nicht.
Ganzkörper-Schutzanzüge, die gegen biologische und chemische Gefahren schützen, schließen den Träger hermetisch von der Außenluft ab, können aber unter Einsatzbedingungen nur kurze Zeit, etwa eine halbe Stunde, getragen werden, weil die Hitzeentwicklung innerhalb des Anzugs zu groß wird. Wasser perlt von diesen Anzügen ab. Es wurde nun, wie Martin S. LaBrusciano, USA, berichtete, ein Material entwickelt, das zwar nicht ganz so gasdicht ist, aber mit Wasser benetzt werden kann. Dadurch kann der Anzug von außen gekühlt und eine Wärmeabfuhr erreicht werden, sodass ein solcher Anzug – der für „First Responder“ gedacht ist – durch acht Stunden getragen werden kann.
„Irgendjemand filmt bei einem Einsatz ohnehin immer mit“, stellte Chandler Garret von Taser International bei der Vorstellung des Axon-Videosystems fest. Es handelt sich dabei um eine vom Polizeibeamten am Ohr getragene Minikamera, die, mit einem an der Brust oder am Gürtel getragenen PDA, in Bild und Ton Vorgänge aus Sicht des Beamten aufzeichnet. Die Aufnahmen sind gegen Manipulationen gesichert und können, allenfalls tendenziell aus dem Zusammenhang gerissenen, Videoaufnahmen von anderer Seite entgegengestellt werden. Acht Stunden ununterbrochene Laufzeit können abgespeichert werden. Das System ist derzeit in Großbritannien in Erprobung.
Ein ballistisches Schild, das also auch Schutz gegen Geschosse aus Feuerwaffen bietet, und wie es eingesetzt werden kann, wurde von Alfred J. Baker, USA, vorgestellt. Über die Mission der kanadischen Zivilpolizei (CIVPOL) in Afghanistan hat Paul Wassill berichtet.
Sechs der insgesamt acht Vorträge wurden in englischer Sprache gehalten, lediglich zwei in Deutsch. Simultan wurde in die jeweils andere Sprache übersetzt.
Wie bisher, war der zweite Tag der Konferenz dem praktischen Training gewidmet, mit Themen wie dem Einsatz des ballistischen Schilds im Streifendienst oder dem Einsatz von Laser-Licht-Modulen. Die zur Verfügung gestandenen 80 Plätze waren nach erfolgter Ausschreibung innerhalb von 14 Tagen ausgebucht gewesen.
Die nächste Fachkonferenz wird am 10. und 11.3.2011 stattfinden.
Kurt Hickisch