Das PiD-Magazin Nr. 13 ist da!
Lesen Sie exklusiv das Editorial von Eckhard Niebergall:
Unkonventionelle Türöffnung
Spätestens seit dem Amoklauf von Erfurt setzte ein Umdenken bei polizeilichen Führungskräften ein; wenn auch manchmal recht zögerlich. Wollte man in der Vergangenheit auf keinen Fall die Befehlshoheit verlieren und das Ruder schon gar nicht an die Streifendienste aus der Hand geben, sah man sich jetzt genötigt, Interventionsbefugnisse an die nun mal als erste eintreffenden Kräfte zu delegieren. Ein klarer Paradigmenwechsel, der vor allem auf Druck von Öffentlichkeit und Politik zurückzuführen ist. Alle bisherigen Bedenken galten mit einem Mal nicht mehr. Jetzt wurde von hohem, aber noch kalkulierbarem Risiko gesprochen, welches ein sofortiges Einschreiten erfordere. Diese Kehrtwende dem polizeilichen Einzel- dienst zu verkaufen hatten in der Folge vor allem die Polizeitrainer und Polizeitrainerinnen. In der Regel unter schwierigen Bedingungen.
„Wasch‘ mich, aber mach‘ mich nicht nass!“ So lässt sich diese alt bekannte Verfahrensweise sprichwörtlich formulieren. Sinnvolle und notwendige Ausstattung: Fehlanzeige! Schwierigste Einsätze sollen ohne professionelle Ausrüstung und Vorbereitung bewältigt werden. Denn ebenso wie die Mittel fehlen, fehlt auch die aus- reichende Schulung des Personals. Zu erfahren in zahlreichen Meldungen, nicht nur in Deutschland. Die Streifendienste führen Notzugriffe durch, verfügen dabei aber nicht annähernd über die Einsatzmittel, auf die Spezialeinheiten bei vergleichbaren Lagen zurückgreifen können. Ein Bereich, in dem das deutlich wird, ist das
schnellstmögliche Öffnen verschlossener Türen.
Der „Fall Stephanie“: „Unglaubliche Fehler der Polizei“ ist einem Beitrag der Journalisten Jürgen Dahlkamp und Andreas Wassermann (Spiegel Online) zu entnehmen. Danach stellen Beamte einer Dresdner Soko aufgrund eines Hinweises fest, dass ein vorbestrafter Sexualstraftäter möglicherweise seit fünf Wochen die 14-jährige Stefanie in seiner Gewalt hat. Als zwei Polizisten an der Wohnung ankommen, bemerken sie, dass am helllichten Tag alle Jalousien heruntergelassen sind, aber in der Wohnung Licht brennt. Sie klingeln und fahren wieder davon, da niemand öffnet. Danach wird die Wohnung rund zwei Stunden beobachtet. Statt Spezialkräfte anzufordern wird entschieden, einen Schlüsseldienst zu beauftragen. Allerdings macht dieser sich nicht gleich an der Tür zu schaffen. Nach Aussage eines Mitarbeiters der Firma „Schlossnotdienst Quick“ klopfen und klingeln die Beamten und rufen laut durch die Tür, der Verdächtige M. solle öffnen oder man werde die Tür aufmachen lassen. Die Tür bleibt trotzdem zu und muss vom Schlüsseldienst geöffnet werden. Zum Glück dreht M. in dieser Phase nicht durch und das Mädchen kann befreit werden. Ende gut, alles Gut?
Neben vielen Fragen zum Vorgehen der Polizeibeamten lohnen sich Überlegungen zur schnellstmöglichen Türöffnung durch Angehörige des Streifendienstes. Dies erhält vor allem dann Bedeutung, wenn aufgrund der besonderen Gefahrensituation nicht auf Schlüsseldienste oder die Feuerwehr zurückgegriffen werden kann. Leider ist es nicht so, dass sich alle Türen – wie im Fernsehen – mit einem Tritt öffnen lassen. Dazu braucht es besonderes Werkzeug. Diese Feststellung führte auch zur Entscheidung, das Thema Öffnungswerkzeuge auf die Agenda der EUROPÄISCHEN POLIZEITRAINER KONFERENZ 2009 in Nürnberg zu setzen (Bericht Seite 5). Sowohl im Rahmen einer Präsentation am ersten Konferenztag als auch beim praktischen Training konnten die Teilnehmer feststellen, dass ein gutes Training mit Öffnungswerkzeug entscheidenden Einfluss auf den Erfolg des Unternehmens hat. Die gleiche Erfahrung machten Einsatztrainer, die an einer Veranstaltung von BKA und Team-One-Network mit der Unterstützung von PiD teilnahmen (Bericht Seite 9).
Als Ergebnis beider Seminare stellen wir fest: Dem polizeilichen Streifendienst sollte leicht bedienbares und funktions- tüchtiges Öffnungswerkzeug zur Verfügung stehen, das innerhalb kürzester Zeit am Einsatzort bereitgestellt werden kann. Finanzielle Aspekte sollten dabei eine untergeordnete Rolle spielen! Jedes Einsatzmittel ist nur so gut wie derjenige, der es bedient. Der professionelle Einsatz von Öffnungswerkzeug setzt professionelle Schulung durch kompetente Polizeitrainer voraus. Die Behörden des Bundes und der Länder sollten im eigenen Interesse schnellstmöglich die Rahmenbedingungen dafür schaffen.
Ihr Eckhard Niebergall